Ja, der Osten war schon immer eine Quelle der Inspiration
Verfasst von : Milad Korkis
Ja, der Osten war schon immer eine Quelle der Inspiration – nicht wegen seines Öls oder seiner Masse, sondern weil er in seinem innersten Kern diesen ersten Sauerteig trägt, der die Erde mit einer Idee, die Luft mit einem Lied und den Menschen mit einer Seele knetete, wie es sonst niemand tat.
Dieser Osten, der der Welt das erste Alphabet, die erste Saite, das erste Gedicht, die erste Stadt und den ersten Menschen schenkte…
Der Osten, der dem Westen das Denken beibrachte, lange bevor er vom Westen lernte, wie man produziert.
Doch heute – wie bitter! – ist er in vielen seiner Regionen nicht mehr Quelle der Inspiration, sondern Symbol des Scheiterns.
Er wurde zu einem zerbrochenen Spiegel, in dem wir uns nicht mehr erkennen.
Wir sehen die Risse in unserem Gesicht und halten uns für hässlich, obwohl die Hässlichkeit in jenen liegt, die uns nur den Bruch zeigen wollten.
Wir sind zu Menschen geworden, die sich nicht mehr selbst führen, sondern von Nachrichten, Netzwerken, Trieben, Nachahmung, Ablenkung und Trends gesteuert werden.
Aus Völkern mit Willen wurden gelenkte Massen.
Wir klatschen, wenn man es uns befiehlt, und wir empören uns, wenn es von uns verlangt wird.
Wir sind Werkzeuge statt Akteure, Echos statt Stimmen, Schatten statt Sonnen.
Ja…
Wir scheitern, wenn wir glauben, unsere Stärke liege im Nachahmen statt in unserer Einzigartigkeit.
Wir scheitern, wenn wir unsere Identität ablegen wie ein altes Hemd, nur um den neusten westlichen Moden hinterherzulaufen – ohne zu fragen: Passt das überhaupt zu uns? Spiegelt das uns wirklich wider?
Wir scheitern, weil wir vergleichen statt herauszufordern, kopieren statt zu kreieren, rechtfertigen statt zu überzeugen.
Wir gehen unter, weil wir nicht den Mut haben, wir selbst zu sein – mit all unseren Widersprüchen, unserem inneren Lärm, unseren brennenden Fragen, für die wir keine Bühne mehr finden.
Wir gehen unter, weil wir von einem Erbe leben, das wir längst nicht mehr verdienen. Wir preisen Zivilisationen, die wir nicht mehr verkörpern. Wir rufen Namen von Helden, deren Buchstaben wir nicht mehr aussprechen können.
Ist es nicht beschämend, dass unser größter Stolz heute… die Tontafeln unserer Vorfahren sind?
Dass unser größter Schatz… eine Vergangenheit ist, der wir nicht mehr gerecht werden?
Dass wir Bilder von Propheten heben, die vor Tausenden Jahren lebten, während wir selbst ohne Vision, ohne Einsicht, ja sogar ohne Gewissen weiterleben?
Wir sind Völker, die ihre Vergangenheit besingen wie jemand, der das Bild seiner verstorbenen Mutter verehrt, während seine Kinder hungern.
Ja, Geschichte ist groß – aber sie nährt kein Brot, sie baut keine Würde, sie gründet kein Land, wenn wir ihr nicht selbst ähnlich sind.
Ihr Kinder des Ostens…
Ihr, die jeden Tag die Vergangenheit kämmt, als sei sie ein Spiegel eurer Schönheit – hört auf, euch zu belügen.
Die Vergangenheit wird uns keine neue Zivilisation einhauchen, wenn wir heute keinen Willen zum Leben haben.
Es reicht nicht zu sagen: „Wir sind die Enkel Ninives“, wenn wir keinen sauberen Gehweg bauen können.
Es reicht nicht, das erste Alphabet zu verteidigen, wenn wir keinen fehlerfreien Satz schreiben können.
Es reicht nicht, stolz auf den ersten Geist zu sein, wenn wir im Denken der Herde leben.
Wir scheitern nicht, weil die anderen besser sind – sondern weil wir uns selbst überzeugt haben, dass wir es nicht verdient haben, besser zu sein.
Weil wir nicht mehr glauben, dass wir es können.
Weil wir unsere Kehlen den Lautesten überlassen haben – und ihnen glaubten, dass sie die Wahrheit besser kennen.
Das ist das wahre Scheitern…
Wenn wir innerlich kolonisiert sind und uns äußerlich frei wähnen.
Wenn wir die Fassade der Moderne tragen, aber mit dem Geist des Stammes leben.
Wenn wir jenen zujubeln, die uns fremd sind – und uns selbst verleugnen.
Ihr, denen noch ein Funke Osten geblieben ist…
Lebt nicht als Randnotiz in den Büchern anderer.
Kehrt zurück zu eurem Innersten, zu euren Stimmen, zu eurer vergessenen Sprache, zu den Seelen, die sich zwischen Bildschirmen verloren.
Fragt nicht die anderen – fragt euch selbst:
Wer sind wir?
Wer wollen wir sein?
Wollen wir nur Schatten bleiben – oder wieder zur Sonne werden?
Der Osten ist kein Slogan für Lieder,
keine Karte im Schulbuch.
Der Osten ist eine Idee, eine Haltung, ein Bewusstsein, ein Widerstand…
Er ist der Mensch, der – trotz allem, was ihm angetan wurde – tief in sich sagen will: Ich bin hier. Wie ich war. Und wie ich sein werde.
Haben wir den Mut, unsere Stimme zurückzuholen?
#MXR

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