Wadih Alkass … Ein Mann des Wortes und der Würde – zwischen Heimat und Exil
Verfasst von: Milad Korkis
Inhaber des Projekts : Persönlichkeiten, die Gedächtnis der Heimat schufen
Kindheit und Ursprung in al-Malikiya
Im Herzen der Stadt al-Malikiya (Dêrik) wurde Wadih Alkass geboren – ein Kind der Erde und ein Sohn des Staubs, geformt aus den Feldern, den Stimmen der Ernte und dem stillen Schmerz in den Kehlen der Menschen. Er war kein gewöhnliches Kind in einem abgelegenen Dorf – von klein auf war er fasziniert vom Wort, von der Bedeutung, von der Gerechtigkeit, die den Blicken der Großen so oft fehlte und sich in die Gedanken der Kleinen flüchtete.
Er wuchs in einem Dorf auf, das kein Luxus kannte, aber eine tiefe Bindung – an die Erde, an die Menschen, an das, was richtig ist. Schon früh hörte er die Lieder der Mütter, die im Morgengrauen den Teig kneteten, sah die Väter, die ihre Bäume nicht nur mit Wasser, sondern mit Hoffnung nährten. Zwischen Gassen, die nach feuchter Erde rochen, und Straßen, die Geschichten flüsterten, die in keinem Buch zu finden sind, wurde sein Charakter geprägt.
In diesem Dorf lernte er, dass der Wert eines Menschen nicht an seinem Titel, sondern an seinem Widerstand gegen Ungerechtigkeit gemessen wird. Und er erkannte früh, dass Zugehörigkeit kein morgendliches Ritual ist, sondern ein täglicher Akt – beginnend mit der Liebe zum Nachbarn und endend mit der Bereitschaft, sein Land zu verteidigen, wenn alle anderen schweigen.
Aus dieser tiefen, ursprünglichen Welt bezog Wadih Alkass seine Sanftheit, seine Standhaftigkeit und seine uralte syrisch-aramäische Identität. Für ihn war sie kein Eintrag im Ausweis, sondern eine Lebensphilosophie. „Aram“ lebte in ihm – nicht in Museen oder auf Gedenktafeln. Seine Muttersprache war nicht bloß ein Klang – sie war eine Hymne, die keiner Übersetzung bedurfte.
Das erste Wort … zwischen Philosophie und Menschlichkeit
Als er sich entschloss, Philosophie und Psychologie an der Universität Damaskus zu studieren, tat er dies nicht, um eine Karriere zu verfolgen oder ein Amt zu erlangen – er tat es, weil sein Inneres nach Wahrheit suchte. Weil er Fragen stellen wollte, die in seiner Gesellschaft kaum jemand zu stellen wagte.
In den Mitte der 1980er Jahre war die politische Atmosphäre in Syrien bedrückend. Wer sich der Philosophie zuwandte, wurde nicht selten als gefährlich angesehen. Und doch begab sich Wadih Alkass in diese verborgene Welt des Denkens – zwischen verstaubten Hörsälen und stillen Bibliotheken. Er las die Worte von Sokrates, stellte sich den dunklen Fragen von Nietzsche, durchleuchtete mit Freud das Verborgene und versank in der existenziellen Leere bei Camus.
Er studierte den Menschen nicht als biologisches Objekt, sondern als komplexes Wesen, das in sich Hunger nach Freiheit, Durst nach Gerechtigkeit und Angst vor sich selbst trägt. Die Philosophie lehrte ihn, dass das Wort ein stiller Dolch sein kann, der ins Herz der Lüge trifft. Die Psychologie zeigte ihm, dass ein Gedicht oft mehr heilt als tausend Therapien.
Er studierte nicht, um das System zu bestätigen – sondern, um es herauszufordern. Und um zu sagen: Der Mensch ist Anfang und Ende. Und der Osten – das ist nicht nur ein geografischer Raum, sondern die Wiege des Sinns.
Vom Klassenzimmer zur Verwaltung … und ins Exil
Nach seinem Abschluss kehrte Wadih Alkass in seine Heimatstadt zurück – nicht auf der Suche nach einem sicheren Job, sondern mit dem Wunsch, das Klassenzimmer zu einem Ort des Denkens zu machen. Er wurde Lehrer, nicht Belehrer. Ein Pädagoge mit Mission, nicht ein Beamter mit Stempel.
In jeder Schulstunde sprach er über Dinge, die nicht im Lehrplan standen. Er sagte: „Heimat kann man nicht mit dem Lineal zeichnen. Würde misst sich nicht an Noten.“ Er zeigte den Kindern, dass Fragen der erste Schritt zur Freiheit sind.
Er war kein Unbeteiligter. Er war immer auf der Seite der Schwachen: der Arbeiter, der Armen, der Wahrheit.
Und genau deshalb, am Tag der Arbeit im Dorf Ain Diwar, verlas er ein Gedicht, das nicht die Macht lobte, sondern die Unterdrückten verteidigte. Es war keine gefällige Lyrik – es war ein Aufschrei. Die Konsequenz: Er wurde aus dem Schuldienst entlassen.
Nicht, weil er gegen Regeln verstoßen hatte, sondern weil er sich wagte, die Wahrheit zu sagen. Weil man kein Gedicht dulden konnte, das wie Blut tropfte. Also warf man ihn hinaus – in der Hoffnung, dass er verstummen würde.
Doch Wadih Alkass schwieg nicht. Er übernahm eine Rolle als Leiter der Bauverwaltung in al-Malikiya. Und wieder tat er das, was er immer getan hatte: Er diente nicht dem System, sondern den Menschen. Wer ihn kannte, sagte: „Er war wie er war – ehrlich, klar, unbeugsam.“
Doch auch das war zu viel. Man entfernte ihn erneut aus dem Amt. Zurück blieb ein Mann ohne Lohn, ohne Sicherheit – aber nicht ohne Würde.
Und so tat er das, was Männer wie er immer tun: Er kehrte zur Erde zurück, arbeitete in seinem eigenen Land, pflanzte, grub, ernährte sich aus der Hand, die er nie verkauft hatte.
Die Reise … wenn von der Heimat nur Erinnerung bleibt
Als das Land zu eng wurde – nicht weil er kleiner wurde, sondern weil es selbst zu engstirnig war – entschloss sich Wadih Alkass, nach Deutschland auszuwandern, im Jahr 2009.
Er verließ nicht sein Heimatgefühl – sondern das politische Konstrukt, das es entstellt hatte.
In seinem Koffer: ein Notizbuch voller Gedichte, ein Foto des Elternhauses, das Taschentuch seiner Mutter, ein Minzstrauch aus dem Garten.
Er schrieb das Gedicht „Die Qual des Aufbruchs“ – eine Ode an das, was bleibt, wenn man alles zurücklassen muss:
„Ich verließ das Land – doch es verließ mich nicht.
Ich lebte im Exil – doch es lebte nicht in mir.
Ich weinte um den Wind, der nicht mehr nach Erde roch.
Ich jagte dem Schatten nach – er sah aus wie du. Aber du warst es nicht.“
Dann schrieb er „Ich bleibe ein Fremder“ – ein Manifest gegen Identitätsverlust, gegen die nationale Gleichgültigkeit von Pässen und Flaggen.
Selbst im Exil schwieg er nicht. Zweimal wurde ihm das Internet gekappt wegen seiner Gedichte, die den Westen entlarvten – wegen seiner Texte, die den Verrat an den Völkern des Ostens offenlegten.
Er schrieb über die Lüge westlicher Medien, die Arroganz der Macht, den Diebstahl östlicher Kulturen, die Verachtung gegen seine Heimat.
Und jedes Mal unterschrieb er:
„Wadih Alkass – Syrien“
Nie Deutschland. Denn die Fremde war kein Zuhause.
Seine syrisch-aramäische Identität war nicht zu verkaufen – sie war seine Wurzel, sein Licht.
Eine leise Stimme … doch sie blutet
Seine Gedichte sind keine Poesie – sie sind Proteste.
Sie sind keine Worte – sie sind Widerstand.
Er schrieb über Liebe – nicht um zu verführen, sondern um zu verbinden.
Er schrieb über Exil – nicht um zu klagen, sondern um zu erinnern.
Er schrieb über Unterdrückung – nicht um Mitleid zu erregen, sondern um die Wahrheit zu sagen.
Er schrieb über Gott, Brot, Heimat, den Tod, über Identität und Versöhnung.
Von „Unsere Liebe zwischen Dornen“ bis zu „Ich bleibe ein Fremder“ –
jedes Gedicht war ein Stein in der Mauer der Menschlichkeit.
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💌 Eine Botschaft von Herzen … an Dich, mein Lehrer
Lieber Wadih,
Ich schreibe diese Worte nicht als Chronist –
Ich schreibe sie als Sohn des Ostens,
als ein Mensch, der in Dir einen Lehrer der Ehre erkennt.
Einen Dichter, der nicht schreibt, um gefeiert zu werden –
sondern um uns an das zu erinnern, was wir vergessen haben:
dass das Wort ein Schwert sein kann –
und die Wahrheit ein Gebet.
Du, der Du in einem Dorf der Würde geboren wurdest,
in einer Hauptstadt des Schweigens studiertest,
am Tag der Arbeit sprachst und entlassen wurdest,
in den Dienst der Menschen tratst und entfernt wurdest,
in Deine Erde zurückkehrtest, um wieder Mensch zu sein,
auswandertest, ohne Dich zu verlieren,
ohne Strom dichtetest, ohne Netz die Welt aufrütteltest,
und immer unterschriebst: Wadih Alkass – Syrien.
Ich schreibe über Dich,
weil Du nicht vergessen werden darfst.
Ich schreibe,
weil Du einer der Männer bist, die das Gedächtnis eines Volkes tragen.
Dies ist mein Brief an Dich –
nicht um Dich zu ehren,
sondern um mich bei Dir zu entschuldigen –
für eine Welt, die Dich nicht genug gehört hat.
Innere Poesie … mit einem östlichen Herzen.
#MXR #milad_korkis #ميلاد_كوركيس

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